Techniken - Vorbereitung
Lesetechniken
Das Lesen im Rahmen wissenschaftlichen Arbeitens unterscheidet sich in mancher Hinsicht vom Lesen eines Romans. Zum einen erschließen sich einem die Inhalte nicht immer sofort, zum anderen muss das Material auch so erschlossen werden, dass es im Laufe der weiteren Arbeit jederzeit greifbar ist. Deshalb sollen hier verschiedene Techniken vorgestellt werden, die es ermöglichen, die Gedankengänge und Argumentationen der jeweiligen Autoren nachzuvollziehen, zusammenzufassen sowie kritisch zu reflektieren.
In einem ersten Schritt – noch bevor man zu lesen beginnt – ist es sinnvoll, die jeweiligen Vorkenntnisse zum Thema sowie die Leseerwartungen zu formulieren. Dies kann z.B. in einem Freewriting, einem Mindmap oder einem Brainstorming geschehen. Im Vorhinein sollten so Fragen an den Text überlegt werden, die im Laufe der Lektüre beantwortet werden sollen. Übergeht man diesen ersten Schritt, so läuft man Gefahr, sich in Einzelheiten zu verlieren. Außerdem ist dieser Arbeitsschritt hilfreich zur Wahrung kritischer Distanz.
Nun beginnt man, sich einen Überblick über das vorliegende Werk zu verschaffen: Man sichtet im Sinne eines kursorischen Querlesens das Erscheinungsjahr, den Verlag, die Auflage, den Klappentext und das Inhaltsverzeichnis sowie die Literaturangaben. Dies ist unerlässlich, um die Relevanz des Werkes zu prüfen und die Kapitel und Abschnitte auszuwählen, die intensiver gelesen werden sollen. Es gilt, klug auszuwählen und zweckorientiert zu lesen.
Im Anschluss daran beginnt die Phase des selektiven, intensiven Lesens. Zunächst liest man den gesamten ausgewählten Text und versucht, den Argumentationsgang des Autors nachzuvollziehen. Wichtiges wird dabei im Text markiert, falls es sich um den eigenen oder eine Kopie handelt. Dafür ist es sinnvoll, sich einen Fundus an Symbolen und Unterstreichungsmöglichkeiten zusammenzustellen, um Argumentationsschritte, Aufzählungen, Definitionen, Thesen, Beispiele sowie Unverständliches, Wichtiges, zentrale Stichwörter usw. eindeutig hervorheben zu können. Auch Randnotizen können gemacht werden. Bei einem ausgeliehenen Werk kann alternativ mit kleinen Office-Note-Klebezetteln gearbeitet werden.
Nachdem man sich in einem ersten Lesedurchgang einen Überblick verschafft hat, geht man nun mit den vorher notierten Fragen sowie den klassischen W-Fragen (wer, wann, was, warum, wie, wo) an den Text heran, um den Text genauer zu analysieren.
Lesen zur kritischen Reflexion wissenschaftlicher Debatten
Es ist unerlässlich, sich Zeit zum Lesen zu nehmen und ggf. Lesepausen einzulegen, um zu überprüfen, ob man auch alles verstanden hat.
Generell dient das Lesen wissenschaftlicher Literatur dazu, verschiedene Theorien und empirische Ergebnisse zu sichten, einzuordnen und kritisch zu hinterfragen. So betonen verschiedene Autoren in der Regel unterschiedliche Aspekte eines Sachverhaltes. Die Aufgabe bei der Einarbeitung eines Sekundärtextes ist deshalb unter anderem das Erfassen der jeweiligen Forschungsposition aus dem Text. Wichtig ist es in diesem Zusammenhang
- die Forschungsposition zusammenzufassen: was sind die Hauptaussagen?
- die Positionen zu bewerten: wann entstand die Forschungsposition? Vor dem Hintergrund welcher existierenden Positionen arbeitet der Wissenschaftler? Welche Quellen benutzt er? Wie geht er in seiner Darstellung methodisch vor?
Diese Fragen deuten an, dass die einzelne Forschungsposition nur im Kontext von Debatten verständlich ist. Debatten können sowohl mündlich (z. B. bei Tagungen, Kongressen, unter Kollegen etc.) als auch schriftlich (in der Forschungsliteratur) geführt werden. Sie können sich über mehrere Jahre, ja sogar Jahrzehnte erstrecken; sie können sich aus schnell aufeinander folgenden Beiträgen ebenso ergeben wie aus der Wiederaufnahme und Modifikation eines älteren Ansatzes oder aber über eine längere Phase nicht weiter diskutiert werden. Dabei verändern sie im Laufe der Zeit ihre Schwerpunkte, nicht nur, weil neue Erkenntnisse die Sichtweisen der Wissenschaftler beeinflussen, sondern auch, weil Wissenschaftler Fragestellungen und Perspektiven im Kontext der Herausforderungen ihrer eigenen Gegenwart entwickeln. Charakteristisch für jede Debatte ist, dass die Teilnehmenden sich aufeinander beziehen. Sie nehmen dabei eine jeweils eigene Position ein und grenzen diese gegen Positionen der Vorgänger oder Mitstreiter ab. Häufig stimmen sie mit den Positionen einiger Teilnehmender zumindest teilweise auch überein.
Um Forschungsdebatten sinnvoll aufzubereiten, ist es unerlässlich, sich mit den jeweiligen Forschungspositionen anderer kritisch reflektierend auseinander zu setzen und unter Einbringung des eigenen Materials zu bewerten. Bei der Textlektüre ist darauf zu achten, wer sich auf wen bezieht und welche Forschungspositionen ein Autor jeweils berücksichtigt. Es ist unerlässlich, den Zusammenhang zwischen den Positionen herzustellen, also Positionen zusammenzufassen, gegenüberzustellen, zu vergleichen und gegeneinander abzuwägen. Eine eigene Position muss als solche gekennzeichnet werden und vor dem Hintergrund einer logisch konsistenten Argumentation entstanden sein.
Lesen zur Analyse religionswissenschaftlicher Primärquellen
Zur religionswissenschaftlichen Arbeit gehört nicht nur die Lektüre fachwissenschaftlicher Werke, sondern auch die Beschäftigung mit Quellen, die inhaltlich beleuchtet und interpretiert werden müssen. Um die jeweilige Quelle einordnen und kritisch bewerten zu können, sollten folgende Fragen berücksichtigt werden:
- um welche Art von Quelle handelt es sich („heilige“ Schrift, historisches Quellenmaterial, einen „heiligen“ Gegenstand, einen Beitrag im Internetforum, etc.)?
- woher stammt die Quelle (aus einem Archiv, aus Privatbesitz, aus einer Quellensammlung....)?
- unter welchen Umständen ist die Quelle entstanden? An wen war / ist sie gerichtet?
- für welche Fragestellung(en) ist die Quelle relevant? wo liegt das Potential der Quelle?
- wo liegen die Grenzen in der Aussagekraft der Quelle?