Neue religiöse Bewegungen - Eine Einführung
Zur Begriffsklärung
Religionen entstehen und vergehen, das heißt sie befinden sich in einer permanenten Entwicklungsdynamik. Neue religiöse Gruppierungen und Bewegungen sind also nicht wirklich etwas Neues. Vielmehr sind auch die Religionen, die in ihrer Verbreitung so erfolgreich waren, dass wir sie heute als „Weltreligionen“ bezeichnen, als Abspaltungen und Reformbewegungen bereits bestehender oder als ganz neue Religionen entstanden.
Neu entstehende Glaubensgemeinschaften wurden schon immer kritisch beäugt und waren immer wieder Verfolgungen ausgesetzt (z.B. auch die frühchristliche Gemeinde). Aktuell ist dies (seit den 1970ern) in der so genannten Sektendebatte sichtbar, die zwar seit der zunehmenden Islamphobie etwas in den Hintergrund gerückt ist, aber dennoch immer wieder aufflammt und öffentliches Interesse weckt. Sektengegner gehen davon aus, dass solche Gruppen ihre Mitglieder in wirtschaftlicher, psychischer und sozialer Weise schädigen, indem sie Gehirnwäsche betreiben, durch die die Mitglieder nicht mehr zu einer autonomen Entscheidung in der Lage sind. Sie verstehen die Sekten als Gefahr für den einzelnen und die Gesellschaft. Dabei werden einzelne kritische Ereignisse, die in den Medien verhandelt werden, als repräsentativ für die gesamte Gruppe gesehen und pauschalisiert.
Der Sektenbegriff ist ursprünglich ein kirchlich-christlicher Kampfbegriff gegen für abweichend erklärte Glaubensrichtungen. Auch heute wird er von kirchlichen Weltanschauungsbeauftragten noch mit dieser negativen Konnotation gebraucht. So hat z.B. Pfarrer Haack in den 1970er Jahren den Begriff der „Jugendsekten“ eingeführt und damit suggeriert, dass sich die gesamte, wehrlose junge Generation in den Fängen von Sekten befindet. Für die um Neutralität und Sachlichkeit bemühte Religionswissenschaft ist der Sektenbegriff unbrauchbar. Im religionswissenschaftlichen Diskurs wird deshalb von neuen religiösen Bewegungen gesprochen. Der Begriff der neuen Religionen oder neuen religiösen Bewegungen oder auch der neuen religiösen Szenerie ist kein hartes religionswissenschaftliches Kriterium, sondern knüpft an die Sektendebatte an, grenzt sich dabei aber vom stigmatisierenden Sektenbegriff ab. Das gemeinsame der so genannten neuen Religionen ist ihre im Vergleich zu den beiden Großkirchen relativ geringe Mitgliederzahl und die Tatsache, dass sie gesellschaftlich immer konflikthaft wahrgenommen werden. Ansonsten sind neue religiöse Bewegungen keine einheitliche Gruppe von Religionen; vielmehr bezieht sich diese Sammelbezeichnung auf höchst unterschiedliche Gruppierungen, die sich hinsichtlich theologischer Inhalte, sozialer Organisation und Ursprung deutlich voneinander unterscheiden.
Der gesellschaftliche Kontext und das neureligiöse Feld
Neue Religionen entstehen im Kontext bestehender gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und religiöser Bedingungen. Werden diese, zumindest in Teilen, als unzureichend erlebt, kann dies eine Voraussetzung dafür sein, dass sich neue Religionen entwickeln. Insofern sind neue religiöse Bewegungen immer nur vor dem Hintergrund ihres sozial-gesellschaftlichen Kontextes zu verstehen. Häufig entstehen neue religiöse Bewegungen in Zeiten von Krisen und in Umbruchsituationen, wenn neue Antworten auf Probleme gesucht werden müssen und die alten Sinndeutungsmuster nicht mehr plausibel sind. Um dauerhaft erfolgreich zu sein, muss die neue Religion vorhandene Bedürfnisse und Erwartungen aufgreifen und zeitgemäße Möglichkeiten der Befriedigung anbieten. Neue Religionen können somit als Indikator gesellschaftlicher Bedingungen verstanden werden: In welchem Maße werden die gesellschaftlichen Lebensbedingungen als belastend, angsterzeugend oder repressiv erlebt, so dass ein neues Heilsangebot auf fruchtbaren Boden fällt?
Bis ins 20 Jahrhundert war bei der Entstehung einer neuen Religion das traditionelle religiöse Umfeld, also in Deutschland das Christentum, Ausgangspunkt der Veränderung. So entstanden in dieser Zeit einige christlich inspirierte neue religiöse Gruppen. Ab den 1960er Jahren hat sich im Zuge eines Individualisierungsschubs ein umfassender Gesellschaftswandel vollzogen. Mit dem Individualisierungsprozess gehen neue Entscheidungsmöglichkeiten und –zwänge bezüglich der Lebensgestaltung und –orientierung einher. Religion wird in der Folge zu einer Sache individueller Orientierung, zur Wahlmöglichkeit und Lifestyle-Option. Gleichzeitig hat eine enorme Pluralisierung des religiösen Feldes sowohl bezüglich der Religionen als auch der Religiositätsstile stattgefunden; vor allem durch Prozesse der Globalisierung entstand eine zusätzliche Form der Entstehung neuer Religionen, nämlich durch Import. Entsprechend gibt es eine unüberschaubare Vielzahl unterschiedlicher kleiner neuer religiöser Gruppen, die sich jedoch in verschiedene Typen unterteilen lässt:
Gruppen mit christlichem Hintergrund: Gruppen diesen Typs beziehen sich auf die Bibel und verstehen sich als christlich, wobei es erhebliche Unterschiede bezüglich der Frage gibt, ob die Gruppen sich auf eine gemeinsame Tradition beziehen oder ihre Exklusivität betonen und sich z.B. mit Berufung auf Neuoffenbarungen oder anderen Interpretationen vom traditionellen Christentum abgrenzen.
Beispiele: Christliche Freikirchen, die Neuapostolische Kirche, die Zeugen Jehovas, Vereinigungskirche, u.v.m.
Gruppen mit asiatischem Hintergrund: Dieser Typ von neuer Religion beherrschte Anfang der 1970er Jahre als so genannte Jugendreligion die öffentliche Debatte. Ein Merkmal der vielfältigen indischen Religiosität ist das Prinzip des Gurus, der als zentraler Vermittler des göttlichen Heils angesehen wird. So entstehen einige neuen religiösen Bewegungen durch einen charismatischen Gründer, der entweder behauptet, im Besitz einer göttlichen Offenbarung zu sein und ganz neue Lehren verkündet oder alte Lehren neu interpretiert. Oft ist deshalb auch die Frage der Nachfolge des charismatischen Führers entscheidend, denn nur, wenn es gelingt, eine von den Mitgliedern akzeptierte Organisation zu entwickeln, zerfällt die Gruppe nicht; dann setzen Prozesse der Dogmatisierung, Institutionalisierung und Ritualisierung ein.
Das Heil wird in Gruppen mit asiatischem Hintergrund durch spirituelle Praktiken wie Meditation oder Yoga erreicht, die durch persönliche Unterweisung erlernt werden.
Beispiele: Ananda Marga, Transzendentale Meditation, Hare Krishna-Bewegung, Osho-Bewegung, verschiedene Formen des Buddhismus
Gruppen vor dem Hintergrund der Selbstoptimierung (Psychokulte): Gruppen diesen Typs bieten ein weltanschauliches Heilsangebot ohne Transzendenzbezug an, so dass sie nicht eindeutig als religiös klassifiziert werden können. Gemeinsames Merkmal ist die Grundannahme, dass der Mensch sein ihm innewohnendes (Bewusstseins-)Potential nur unzureichend ausgeschöpft hat und er dies mit Hilfe der von der jeweiligen Gruppe zur Verfügung gestellten psychologischen, therapeutischen und / oder bewusstseinsverändernden Technik entwickeln könne. Damit befinden sich die Gruppen im Grenzbereich von Therapie und Religion. Die Kritik an diesen Gruppen richtet sich v.a. an das Ausmaß der erzeugten psychischen und finanziellen Abhängigkeit sowie an die Fragwürdigkeit der eingesetzten Methoden.
Beispiele: Scientology, Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM), Erhard Seminar Training (EST), Landmark Education
Gruppen im Bereich Esoterik / New Age / Ufologie: Aufgrund der im Zuge der Globalisierung gestiegenen Mobilität und des Informationsaustausches haben sich in den letzten Jahrzehnten neue religiöse Angebote mit synkretistischen Anleihen aus den verschiedensten Traditionen geformt. Der Einzelne wählt hier gemäß seiner eigenen Erfahrungen und Präferenzen die Religionen und religiösen Elemente aus, die für ihn stimmig sind und ihm plausibel erscheinen, wobei er durchaus seine traditionelle Religion beibehalten und mit unterschiedlichen Glaubenselementen verknüpfen kann. Diese fehlende Trennschärfe zwischen etablierter und nicht etablierter, neuer Religion lässt einige auch von der neureligiösen Szenerie sprechen. So wird deutlich, dass die Grade der Abgrenzung von traditioneller Religion, insbesondere vom Christentum, verschieden und die Übergänge fließend sind. Bei der Wahl und der patchworkartigen Zusammenstellung unterschiedlicher Weltdeutungs- und Sinnmuster herrschen Erlebnisorientierung und Pragmatismus vor: Wahr ist, was (für mich) funktioniert. Der so vonstatten gehenden Differenzierung von Religion steht die Dedifferenzierung als die andere Seite der Medaille gegenüber: Man sucht nach dem Gemeinsamen, Verbindenden, nach derselben Wahrheit hinter den Religionen, was es ja erst ermöglicht, disparate und widersprüchlich erscheinende Elemente miteinander zu verknüpfen. Um den inneren, freigeistigen Umgang mit Religion zu betonen, sprechen die Anhänger dieses Typus von Religion in Abgrenzung zum Religionsbegriff auch von Spiritualität. Generelles Kennzeichen ist eine enge Verbindung von Heil und Heilung, das Selbst und sein Wohl werden in den Mittelpunkt dieser subjektivierten, privatisierten Form von Religiosität gestellt. Neben einer weltanschaulichen besteht auch eine soziale Unverbindlichkeit, die zu einem „believing without belonging“ führt. Diese Entinstitutionalisierung führt neben der Auflösung traditioneller religiöser Strukturmerkmale (es existieren weder ein Schriftkanon noch fest gefügte soziale Strukturen und Institutionen und die Lehre und Rituale sind, wenn überhaupt in beschreibbarer Form vorhanden, von keiner übergeordneten Instanz sanktioniert) zu einer Demokratisierung religiöser Strukturen, das heißt zur Ablehnung religiöser Dogmen und Autoritäten.
Immer wiederkehrende Elemente neuer, esoterischer Spiritualität sind:
- Mystische Traditionen etablierter Religionen (Sufismus, Zen, Kontemplation, usw.)
- Interesse an vorchristlichen Traditionen (Kelten, Germanen, Hexen, usw.)
- Elemente sogenannter Naturreligionen (Schamanen, Indianer, Maya, Aborigines, usw.)
- Interesse an tiefenpsychologischen Konzepten (C.G. Jung, E. Drewermann, Transpersonale Psychologie, usw.)
- Verknüpfung mit ökologischen Gedanken bzw. Konzepten eines gesunden Lebens
Statistisch gesehen ist Deutschland in religiöser Hinsicht trotz der Entstehung neuer religiöser Bewegungen ein recht homogenes Land: die beiden christlichen Großkirchen sind bei weitem die größten Religionsgemeinschaften, gefolgt vom Islam, der im Zuge der Gastarbeitermigration zu einem bedeutenden Phänomen in Deutschland geworden ist. Die jeweiligen neureligiösen Gruppen sind sehr klein. Allerdings stellt uns die statistische Erfassung der quantitativen Verteilung auch vor Probleme: Wann ist jemand Mitglied einer neuen religiösen Gruppe? Schon wenn er erstmals mit der entsprechenden Praxis in Kontakt gekommen ist oder erst wenn er jahrelang praktiziert? Was ist ein Kriterium der Mitgliedschaft, wenn traditionelle Strukturmerkmale von Religion sich auflösen?
Generell lässt sich sagen, dass die Entstehung neuer Religionen die Säkularisierungsthese als Untergang von Religion zurückweist. Zwar entscheiden sich auch immer mehr Menschen, ohne Religion zu leben; dennoch verweist die Entstehung neuer Religionen auf neu entstandene Bedürfnisse nach Sinn und Orientierung. Säkularisierung und Individualisierung scheinen religiöse Wandlungsprozesse zu sein, die sich nicht etwa gegenseitig ausschließen, sondern sich vielmehr als Bewegung und Gegenbewegung gegenseitig bedingen.
Neue Religionen – eine Gefahr?
Häufig werden die Menschen Mitglied einer neuen religiösen Bewegung, die in einer akuten Krisensituation stecken, oft auch in Verbindung mit einer generellen Sinnorientierung in der Adoleszenz. Der Mitgliedschaft in einer neuen religiösen Bewegung gehen nicht selten Phasen von Depression, Verlust, Vereinsamung und ein Mangel an befriedigenden Beziehungen voraus, die zu einer intensiven Sinnsuche geführt hat. Allerdings gibt es zwischen den Mitgliedern verschiedener neuer religiöser Bewegungen erhebliche Unterschiede in soziodemographischen und psychologischen Variablen. Deshalb muss von einer spezifischen Passung zwischen dem Bedürfnis des Suchenden und dem Angebot der Religion ausgegangen werden. Das heißt die spezifische biographische Prägung und die Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen stellen eine Grundlage dafür dar, wer welche Gruppierung attraktiv findet.
In der Öffentlichkeit besteht das Bild, dass Sekten zunächst durch aggressive Werbung und dann durch Gehirnwäsche die (potentiellen) Anhänger so gefügig machen, dass sie nicht mehr selbstbestimmt handeln können und sich hilflos in den Fängen der Sekte befinden. So kann der Guru ihnen das Geld aus der Tasche ziehen oder auf sonstige Weise seine Macht ausüben. Diese stereotype Vorstellung kann empirisch nicht bestätigt werden, vielmehr erfolgt der erste Kontakt mit einer neuen Religion überwiegend durch Angehörige des sozialen Netzes. Außerdem werden die meisten Menschen nach ein- oder mehrmaligem Kontakt mit der neuen Religion nicht zu ihren Mitgliedern, so dass davon auszugehen ist, dass die Entscheidungsfreiheit bestehen bleibt. Die Entscheidung zur Mitgliedschaft ist in der Regel ein allmählicher Prozess und erfolgt schrittweise über einen längeren Zeitraum.
Die Frage nach der psychischen Gesundheit der Mitglieder neuer religiöser Bewegungen bzw. die Destruktivität neuer religiöser Gruppierungen wird seit Beginn der 1970er Jahre besonders heftig diskutiert. Eine generelle Schädlichkeit durch die Mitgliedschaft in neuen religiösen Bewegungen lässt sich jedoch nicht nachweisen, vielmehr finden sich je nach Gruppe kritische und gefährliche Aspekte, aber auch therapeutische Funktionen. Zu unterscheiden ist generell zwischen einer selbstgewählten Mitgliedschaft und der primären Sozialisation in einer neuen Religion, bei der die Problematik besteht, dass ein externer Referenzrahmen als Vergleichs- und Kritikmöglichkeit weitgehend fehlt. Meistens verbleiben Mitglieder nur durchschnittlich zwei Jahre in einer neuen religiösen Bewegung, möglicherweise weil das, was ursprünglich hilfreich und strukturierend war, dann als einengend und entwicklungshemmend erlebt wird.
Was macht neue Religionen attraktiv? Sie vermitteln ihre Lehre oft mit großer Absolutheit und bieten Antworten auf alle Fragen. Dies schafft kognitive Sicherheit und befriedigt den Wunsch nach Wissen und weltanschaulicher Konsistenz. Die Diskrepanz zu Lehren und Erklärungen in der Umwelt außerhalb der Gruppe wird durch die Einteilung in die Erwählten und die Anderen oft abgewehrt. Dies wiederum bedingt eine hohe Gruppenkohäsion, die das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit befriedigt. Emotional befriedigend ist auch das Gefühl auserwählt zu sein, Teil eines Heilsplans zu sein.
Konflikte treten eher in Einzelfällen auf. Folgende problematische Aspekte können dann u.U. beobachtet werden: Gruppendruck, Isolation und ausschließlicher Bezug auf die Gruppe, soziale Konflikte mit Familie und Freunden, Konflikte mit Werten und Erwartungen der umgebenden Umwelt (z.B. mit der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung oder mit bestehenden Gesetzen), wirtschaftliche Konflikte, Konflikte für Kinder in neuen Religionen, gewalttätige Konflikte, z.B. Massenselbstmorde.