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Der Islam - Eine Einführung

Geschichte

 

Muslime gehen davon aus, dass es keine historische Entstehungszeit des Islam im eigentlichen Sinne gibt, da es die Hingabe an den einen und einzigen Gott Allah schon immer gegeben hat. Dennoch entsteht der Islam als eigene Religion erst mit Mohammad, den die Muslime als Siegel der Propheten ansehen, der die unverfälschte göttliche Botschaft überbracht hat.
Muhammad wurde um 570 als Sprössling eines unbedeutend gewordenen Seitenarms des Stammes der Quraysch in Mekka geboren. Nach dem Tod seiner Mutter wurde er von seinem Onkel Abu Talib großgezogen. Er wurde Händler und arbeitete als Karawanenführer bei der Witwe Chadidscha, die er im Alter von 25 Jahren heiratete. Aus der Ehe gingen 4 Kinder hervor, obwohl Chadidscha zum Zeitpunkt der Heirat schon 40 Jahre alt war. Erst nach ihrem Tod nahm sich Muhammad mehrere Frauen. Seine erste Offenbarung durch den Erzengel Gabriel hatte Muhammad mit 40 Jahren auf dem nördlich von Mekka gelegenen Berg Hira. Inhalte der Offenbarungen waren das Jüngste Gericht, die Auferstehung und soziale Pflichten, wobei Gott der Eine, Schöpfer, Erhalter, mächtiger und barmherziger Herr des Gerichts immer im Zentrum stand. Seine Offenbarungen erinnern an die früherer Propheten, so dass davon ausgegangen werden kann, dass Muhammad mit Juden- und Christentum in Kontakt gekommen ist, zumal er zunächst die Gleichheit ihres Glaubens mit seiner Verkündigung betonte. Erst nach deren Distanzierung bezichtigte er sie, die göttliche Offenbarung verfälscht zu haben. Dennoch blieben sie als Leute der Schrift Dhimmi (Schutzbefohlene). Muhammad selbst hat sich nicht als Religionsstifter, sondern allenfalls als Religionsreformer gesehen. Sein neuer Glaube setzt sich vor allem für die sozial Benachteiligten ein und verlangte einen besonderen Schutz für Waisen und Witwen und mehr Rechte für Sklaven und Frauen. Die bestehende soziale Ordnung wurde dadurch in Frage gestellt.
Nach dem Tod seiner Frau und seines Onkels im Jahre 619 sah Muhammad sich drastisch bedroht. Mekka, die Geburtsstadt des Propheten, war in vorislamischer Zeit mit der Kaaba ein wichtiger Wallfahrtsort für zahlreiche Kulte um Götter und Göttinnen, der der Stadt und dem in ihr lebenden, mächtigen Stamm Quraysch wirtschaftliche und politische Prosperität verlieh. Die Auflehnung gegen den Propheten ist v.a. der Sorge um die Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnisse geschuldet. Angesichts der polytheistischen Anbetung „falscher“ Götter, denen meist nur regionale Bedeutung zukam, wird diese Zeit von Muslimen als Dschahiliya, als Zeit der Unwissenheit bezeichnet. Im Jahr 622 zog Muhammad mit seiner jungen Gemeinde nach Medina. Mit dieser Hidschra beginnt für die Muslime eine neue Zeitrechnung, da sie den Beginn der islamischen Gemeinschaft (umma) als Glaubens- und Sozialgemeinschaft repräsentiert. Muhammad wurde in Medina schnell zum politischen Führer – die Entstehung eines islamischen Staatswesens nahm also hier ihren Anfang. Bis zu seinem Tod beherrschten die Muslime bereits fast die gesamte arabische Halbinsel.
Die Nachfolge nach seinem Tod im Jahre 632 ließ Muhammad ungeklärt. Als erster Kalif (Anführer der islamischen Gemeinschaft) wurde in einer Ratsversammlung (schura) Abu Bakr gewählt, gefolgt von Omar, Othman, Ali ibn Abi Talib und nach dessen Ermordung Muawiya, der die Dynastie der Omyyaden begründete. Die ersten vier Kalifen werden in der Geschichtsdeutung des sunnitischen Islam als die vier „rechtgeleiteten“ Kalifen verehrt, da zu ihren Lebzeiten der Islam am reinsten gewesen sei. In der weiteren Geschichte entstanden politisch unabhängige muslimische Fürstentümer (Sultanate), wobei die Sultane bald eine Konkurrenz für den Kalifen darstellten. Auch mit der Herausbildung der Schriftgelehrten (ulama) relativierte sich die religiöse Autorität des Kalifen.
Zur Zeit der Omayyaden bildeten sich einige neue Richtungen des Islam heraus. So klagten die frühislamischen asketischen Mystiker (Sufis) über ihre zunehmende Verweltlichung und Dekadenz und forderten eine Rückbesinnung auf die eigentlichen spirituellen Werte. Und auch die Shiat Ali, die Partei Alis, akzeptierten die Herrschaft der Omayyaden nicht, billigten sie doch nur Angehörigen der Familie Mohammeds das Kalifat zu. Diese religiösen und politischen innerislamischen Konflikte führten zu einer Revolution, die das Geschlecht der Abbasiden an die Spitze brachte. Mit der abbasidischen Dynastie verstärkte sich der Einfluss der nichtarabischen, zunächst der persischen, dann der türkischen Muslime. Da der Islam zu einer Weltreligion wurde, entstanden verschiedene muslimische Reiche, z.B. das schiitische Reich der Fatimiden, das persisch geprägte Ghaznawidenreich, das Reich der türkischen Seldschuken, und zu Beginn des 14 Jh. das osmanische Reich, das 1922 mit Mustafa Kemal Atatürk und seiner Abschaffung des Kalifats abgeschafft wurde.
Zentrale Glaubensfundamente des Islam
Islam bedeutet Hingabe (an Gott, so, wie es Muhammad offenbart hat).
Die Grundlage des islamischen Glaubens ist der Koran, der ab dem Jahre 610 in Abschnitten vom Propheten Muhammad offenbart worden war. Die Offenbarungen wurden auswendig gelernt, bis sie unter dem dritten Kalifen Othman (644-656) als Text zusammengestellt wurde. Noch heute gilt der, der den Koran auswendig lernt, als Hafiz, als Bewahrer. Für Muslime ist der Koran das unerschaffene und dadurch auch unübersetzbare Wort Gottes, weshalb er den Muslimen heilig ist. Da der Koran als das unmittelbare Wort Gottes gilt, erfährt auch die Sprache des Koran, das Arabische, eine besondere Wertschätzung. Wer den Koran als historischen Text betrachtet, macht sich in den Augen vieler Muslime der Gotteslästerung schuldig. Der Koran ist in 114 Suren (Kapitel) unterteilt. Die Suren sind – mit Ausnahme der ersten Sure, nach Größe in absteigender Form geordnet. Die frühen Suren sind erfüllt von missionarischer Kraft, drohenden Gleichnissen und religiösen Belehrungen. Die späteren medinensischen Suren hingegen setzen sich hauptsächlich mit politischen Fragen des sozialen Zusammenlebens auseinander. Hier finden sich Regeln zur Ökonomie, zum Familienrecht und zur Politik, weil der Islam im Gegensatz zu den beiden anderen Schriftreligionen nicht Utopie blieb, sondern die Möglichkeit hatte, alle Lebensbereiche zu gestalten.
Da Muhammad zum religiösen Vorbild des perfekten Menschen wurde, wurden seine Aussprüche, Gewohnheiten und Taten (sunna) im späten 9. Jahrhundert in Form von Hadithen festgehalten, die jeder fromme Muslim befolgen sollte.
Gott / Allah ist das Zentrum islamischen Glaubens. Er ist unbeschreibbar, größer als alles Denkbare, transzendent und doch immanent. Aufgrund der Unfassbarkeit Gottes besteht ein Bildverbot in den Moscheen. Seine neunundneunzig schönsten Namen (z.B. der Barmherzige, der Gerechte, der Geduldige, der Leben und Tod gibt, …) erinnern an seine Manifestationen. Der Glaube an Gottes Einigkeit und Einzigartigkeit (tawhid) ist ein wichtiger Bestandteil der Shahada, des islamischen Glaubensbekenntnisses. So kann der Islam als radikaler Monotheismus bezeichnet werden. Als Schöpfergott ist er mit den Menschen (weder als Individuum noch als Volk, sondern als Geschöpf) einen unwiderruflichen Bund eingegangen. Das Verhältnis zwischen Allah und Mensch ist vergleichbar mit dem eines Dieners zu seinem Herrn. Dabei gilt der Mensch als hervorragendes Geschöpf Gottes und dessen ausgewählter Stellvertreter auf Erden. Eine Erbsünde gibt es nicht, dennoch gilt der Mensch als leicht verführbar, so dass er immer wieder an das Bündnis mit Gott erinnert werden muss. Wieweit der Mensch für seine Handlungen verantwortlich ist, ist dabei eine alte Streitfrage.
Der Bund zwischen Allah und den Menschen ist durch die Propheten, denen die Botschaft Gottes offenbart wurde, immer wieder erneuert worden. Muhammad gilt dabei als das Siegel der Propheten, der weder Autor noch Interpret der Offenbarung ist, sondern Sprachrohr Gottes. Er ist der letzte Prophet, der die Offenbarung Gottes erhalten hat, die nun nicht mehr verfälscht worden ist.
Als Muslim glaubt man außerdem an Gottes Engel, seine Gesandten, die ihnen dargebrachten Offenbarungen und den Jüngsten Tag, an dem Gott als Weltenrichter erscheint.
Der Islam bezieht sich auf den Einzelnen, aber definiert Muslime auch als soziale und politische Gemeinschaft; deshalb sind Muslime auch der Gemeinschaft der Gläubigen verpflichtet.
Glaubenpraxis
Die 5 Säulen des Islam:
Das Glaubensbekenntnis shahada: Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Gott gibt und dass Muhammed der Gesandte Gottes ist
Das täglich fünfmalige Gebet salat. Es wird ab der Pubertät bei geistiger und seelischer Gesundheit zur Vorschrift. Ist eine Person auf Reisen, kann es verschoben werden oder ausfallen. Generell muss vor dem Gebet eine (je nach Verunreinigung große oder kleine) rituelle Waschung erfolgen. Das Gebet wird morgens, mittags, nachmittags, abends, nachts durchgeführt. In arabischen Ländern kündigt der Muezzin auf dem Minarett das Gebet an, heute ist er jedoch oft durch einen Lautsprecher ersetzt. Hier in Europa gibt es spezielle Kalender mit den Gebetszeiten. Der Ablauf des Gebets ist mit bestimmten Körperhaltungen und arabischen Rezitationen verbunden und in Gebetseinheiten (rak’a) unterteilt. Es wird immer Richtung Mekka ausgeführt, die in der Moschee durch die Gebetsnische mihrab angezeigt wird. Häufig schließt sich an das Pflichtgebet noch ein Bittgebet (dua) an. Das Gebet kann an jedem Ort durchgeführt werden, am besten ist es jedoch in der Gemeinschaft; am Freitag ist das Gemeinschaftsgebet in der Moschee für Männer verpflichtend, dann mit Vorbeter (Imam) und Freitagspredigt (hutba), die meist in der Landessprache abgehalten wird.
Das Fasten (saum) – Im Monat Ramadan darf von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nicht gegessen, getrunken, geraucht, kein Wohlgeruch genossen und kein Geschlechtsverkehr gepflegt werden. Allabendlich findet gemeinsam mit der Familie und Freunden das Fastenbrechen statt. Nur Gesunde und Erwachsene fasten; auch menstruierende Frauen dürfen nicht fasten. Wer auf Reisen oder krank ist, kann das Fasten nachholen oder eine Spende an Arme entrichten. Dieser Monat ist besonders heilig, weil hier die erstmalige und vollständige Herabsendung des Koran gefeiert wird; Ramadan ist der Monat der Versöhnung, Vergebung und Solidarität mit den Armen.
Das Almosen (zakat) – Die Almosensteuer ist einmal jährlich für Arme, Reisende, Schuldner und Sklaven, die sich für die Sache Gottes einsetzen zu entrichten, wobei die Höhe durch die jeweilige Rechtsschule festgelegt wird; Mit Verweis auf die Almosensteuer wird der Islam als der dritte Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus dargestellt, der die Idee eines alternativen, gerechten Wirtschaftssystems auch mit dem Zinsverbot entwickelt hat.
Die Wallfahrt (hadsch) – Die Pilgerfahrt nach Mekka wird im letzten Mondmonat Opfermonat) vorgenommen (sonst kleine Wallfahrt, umra). Jeder Muslim sollte sie einmal in seinem Leben durchführen, sofern er gesund ist und es sich leisten kann. Sie ist besonders, weil man hier nur von der umma umgeben ist; am 10. des Opfermonats wird das Opferfest mit der Schlachtung eines Schafes oder dgl. gefeiert.

Speisevorschriften: Der Muslim hat in seiner Glaubenspraxis auch bestimmte Speisevorschriften zu beachten, die je nach Rechtsschule unterschiedlich streng ausgelegt werden: er darf kein Schweinefleisch, keinen Alkohol, ebenso kein Blut (nur ausgeblutete Tiere) zu sich nehmen; es gibt unterschiedliche Auslegungen, ob z.B. Speisen von Christen und Juden gegessen werden dürfen.

Bekleidungsvorschriften: Die Kleidung eines Muslims – ob männlich oder weiblich - sollte bescheiden und rein sein und die Scham bedecken (die kulturell unterschiedlich definiert wird). Im Koran findet sich keine eindeutige Aufforderung, eine bestimmte Form des Kopftuchs zu tragen.

Dschihad: Dschihad bedeutet Anstrengung – die Gebote Gottes zu halten und gegen eigene Begierden anzukämpfen. Dabei wird unterschieden zwischen
Äußerste Anstrengung: Kampf gegen schlechte Triebe und Neigungen
Große Anstrengung: Verkündigung (dawa) und Dialog mit Religionen
Kleine Anstrengung: Verteidigung des Islam gegenüber Ungläubigen, notfalls auch mit Waffen

Der islamische Kalender beginnt mit dem 15.07.622, dem Jahr des Einzugs nach Medina; er richtet sich nach dem Mond. Ein neuer Tag beginnt mit dem Sonnenuntergang, eine Woche hat 7 Tage, jedoch gibt es keinen Arbeitsruhetag wie im Juden- oder Christentum.

Feiertage und Feste: Im Islam gibt es zwei große Feste: das Fastenbrechen (id al-Fitr) zu Ende des Ramadan und Opferfest (id al-Adha) im Wallfahrtsmonat; bei den Schiiten wird noch das Aschurafest zum Gedenken an das Martyrium Husains in Kerbala begangen; ansonsten gibt es in den verschiedenen lokalen Varianten des Islam Feste mit lokaler Bedeutung.

Moschee: Eine Moschee gilt nicht als heiliger Raum, auch wenn man sie nur ohne Schuhe betreten darf. Meist ist sie auch soziale und bildende Einrichtungen (Schulen, Großküchen, Bibliotheken, Krankenstationen).
Übergangsriten
Geburt: Gemäß islamischer Vorstellung wird jeder Mensch eigentlich automatisch zum Muslim geboren; wird ein Kind in eine muslimische Familie hineingeboren, gilt es als Muslim. Gleich nach der Geburt wird ihm in das rechte Ohr die Shahada und in das linke der Gebetsruf geflüstert; die Namensgebung erfolgt am sechsten oder siebten Tag, und wenn die Eltern es sich das leisten können, lassen sie für das Kind ein Schaf schlachten, für einen Sohn evtl. sogar zwei; zum Teil isst man das Fleisch selbst, zum anderen Teil verteilt man es an Bedürftige; außerdem werden die ersten Locken geschnitten, in Silber aufgewogen und an Bedürftige verteilt. Will man als Erwachsener zum Islam konvertieren, muss man die Shahada vor zwei Zeugen aussprechen; ein Austritt ist dann nicht mehr denkbar und wird in manchen Ländern mit dem Tod bestraft;
Beschneidung: Die Beschneidung ist nicht im Koran erwähnt und damit keine Pflicht, aber sie gilt als sunna, als gute Tradition des Propheten; deshalb ist eine Beschneidung junger Muslime üblich. Der Zeitpunkt soll vor der Geschlechtsreife liegen; er gilt als erster Schritt des Jungen in die Erwachsenenwelt. Danach erhält er Geschenke und Süßigkeiten; in manchen Ländern gibt es auch Mädchenbeschneidung (die dort auch von Nichtmuslimen praktiziert wird), z.B. in Sudan oder Ägypten; dies stellt aber im Gegensatz zum Jungen ein erhebliches gesundheitliches Risiko dar, das von Menschenrechtsorganisationen als Verstümmelung eingestuft wird.
Erziehung zum Muslim heißt, sein Kind im Sinne des Koran zu erziehen: es soll nicht lügen, hochmütig sein und Achtung vor den Eltern zeigen; dies alles wie die Glaubenspraxis lernen sie durch Nachahmung ihrer Eltern. Kinder gelten bis zur Pubertät als sündlos, weil sie noch nicht vollständig für Taten verantwortlich sind; sobald Kinder in die Schule gehen, lernen sie, den Koran zu rezitieren; ab 13/14 Jahre ist der Zeitpunkt erreicht, an dem die religiösen Pflichten ausgeübt werden müssen.
Die Ehe ist laut Koran die erstrebenswerte Lebensform, Mönchtum und Zölibat werden abgelehnt. Somit ist auch erfüllte Sexualität wünschenswert, aber nur in der Ehe erlaubt; die Ehe hat keine direkte religiöse Bedeutung, sondern ist letztlich ein Vertrag zwischen zwei Partnern, der zwar auf Dauer angelegt ist, aber unter bestimmten Bedingungen wieder aufgelöst werden kann. Dies ist für beide Geschlechter möglich, für Frauen jedoch sehr viel schwieriger (Mann muss dreimal Wunsch der Scheidung aussprechen / Verstoßung, Frau darf drei Monate danach wieder heiraten; Frau muss beweisen, dass der Mann nicht seinen ehelichen Pflichten nachkommt; heute modernere Eheverträge). Zur Heirat sind zwei Zeugen nötig. Eine Frau darf keinen Nichtmuslim heiraten, ein Mann hingegen darf eine Christin oder Jüdin heiraten. Der Koran erlaubt die Polygamie für Männer, beschränkt die Zahl der Ehefrauen aber auf vier und stellt die Bedingung, alle Frauen gleich zu behandeln. Zu ihrer Absicherung erhält die Frau Brautgabe an ihrer Hochzeit; der Brautkauf wurde im Islam abgeschafft.
Tod und Bestattung: Stirbt ein Muslim, so sind Maßnahmen zu ergreifen, die es der Seele erleichtern sollen, den Weg ins Paradies zu finden; so wird z.B. das Glaubensbekenntnis eingeflüstert, damit der Sterbende es nachsprechen kann und die Sure 36 über himmlischen Lohn und Höllenstrafen rezitiert; sobald der Tod eingetreten ist, werden Waschungen des Leichnams vorgenommen, um ihn möglichst 24 Stunden später zu beerdigen – eingewickelt in ein Leichentuch, auf der rechten Seite mit dem Gesicht nach Mekka liegend. Muslime gehen davon aus, dass direkt nach dem Tod das Gericht mit den Engeln stattfindet, die nach Gott, Prophet, Religion und Gebetsrichtung fragen. Grabpflege und Blumenschmuck sind im Islam unüblich. Eine Witwe hat nach dem Tod ihres Gatten eine Trauerzeit von 4 Monaten und 10 Tagen einzuhalten und kann danach wieder heiraten.
Vielfalt im Islam
Die Mehrzahl der Muslime sind Sunniten (ca. 85-90%). Unter ihnen haben sich mehrere Rechtsschulen (Hanafiten, Hanbaliten, Schafiiten, Maliktiten) gebildet, die sich in der Anwendung islamischen Rechts unterscheiden. Muslimische Gelehrte beschäftigen deshalb intensiv mit der richtigen Auslegung des Gesetzes, um rechtes Handeln zu bestimmen. Die islamische Rechtspraxis im Alltag fußt auf Koran und Sunna (Vorbild Muhammad) als wichtigsten Quellen dafür, was Muslimen erlaubt (halal) und was verboten (haram) ist; daraus hat sich ein Feld intensiver wissenschaftlicher Betätigung entwickelt, die Rechtswissenschaft (fiqh); viele Vorschriften werden natürlich zur Gewohnheit; bei neuen Fragen aber wird ein Gelehrter (mufti) zu Rate gezogen, um ein Rechtsgutachten (fatwa) zu erstellen; Muslime können sich danach richten, müssen es aber nicht; zwingend zu befolgen sind nur der Koran und die Sunna.
Eine Abspaltung des sunnitischen Islam ist die Ahmadiyya, deren Gründer Mirza Ghulam Ahmad erklärte, er habe Offenbarungen empfangen und sei ein Prophet; deshalb werden Ahmadis von anderen Muslimen nicht anerkannt; sie betreiben jedoch besonders im Westen eine erfolgreiche Mission.

Neben den Sunniten sind die Schiiten (10-12%) die zweite Hauptrichtung des Islam. Schiiten wollten nur leibliche Nachkommen zur Führung der umma zulassen, die sie mit religiösem Charisma ausgestattet wissen; Sie beziehen sich dabei auf Husain, Sohn Alis, der als letzter der (zwölferschiitischen Imame nach Macht strebte; nach ihm folgte die Zeit politischer Enthaltsamkeit) der in Kerbala umgebracht worden ist, weil die Sunniten auf die Vorrechte des Stammesadels der Quraysch pochten. Sunniten sehen den Kalifen als Gleichen unter Gleichen an, während die Schiiten den Imam klar über den Gläubigen stellen, da er von Gott mit einem besonderen religiösen Wissen ausgestattet ist. Die Sunna ist ein radikal individualistischer Weg, zwischen einem selbst und Gott gibt es keinen Vermittler, jedoch bei den Schiiten kann der Klerus als Beistand angefleht werden, der auch bestimmte Privilegien hat (Leitung des Freitaggebets, Anordnung der im Koran festgelegten Leibesstrafen, Erhebung bestimmter Steuern, Recht, den Glaubenskrieg auszurufen, Auslegung von Koran und Recht). Bei Sunniten und Schiiten sind unterschiedliche hadithe tradiert, zumal die Schia keinen von den ersten drei Kalifen tradierten hadith anerkennt. Schiiten unterscheiden außerdem zwischen Propheten- und Imam-hadith. Die Schiiten verehren auch die Tochter Alis, Fatima. Aufgrund ihrer langen Verfolgung ist es für Schiiten eine religiöse Pflicht, die Praxis der Verstellung (taqia) in einer Bedrohungssituation auszuüben.
Die Schiiten lassen sich in weitere Richtungen unterteilen, wobei die größte die Zwölferschiiten sind, die zwölf Imame anerkennen und davon ausgehen, dass der letzte Imam einst die Ungerechtigkeit und Unterdrückung als Mahdi beenden und auf die Erde zurückkehren wird.
Die Ismailiten (Siebenerschiiten) erkennen im Unterschied zur Zwölferschia nur die ersten sieben Imame an; sie unterscheiden zwischen innerem und äußerem Sinn religiöser Gebote und spalteten sich noch mal in Fatimiden und Karmaten.
Die Zaiditen sind regional auf Jemen begrenzt.
Weitere schiitische Sondergemeinschaften, die sich auf Ali beziehen, sind die Nusayrier (Alawiten), die Drusen, die Aleviten und mit Abstrichen die Ahl-i Haqq.

Der Sufismus ist die Mystik des Islam, dessen spirituelles Ziel die geistige Vereinigung mit Gott, die spirituelle Reinigung ist. Die Anfänge des Sufismus liegen im 8./9. Jahrhundert, zunächst als weltablehnende Askese- und Erneuerungsbewegung, die sich gegen dekadent empfundene Neuerungen und Ausschweifungen im Islam und der islamischen Gesellschaft wandte, welche sie als Gefahr für die Botschaft des Islam betrachtete. Sufis berufen sich auf die reine Botschaft des Islam, und folgen dem Motiv bedingungsloser Gottesliebe. Zentral sind die spirituelle Führung durch den Scheich als eingeweihten Führer, dessen Einweihungsreihe bis Muhammad zurückreichen muss und der aufgrund seines Charisma eine besondere Nähe zu Gott hat. Auch die Gemeinschaft und ein religiöses Erleben bis hin zur Ekstase sind wesentliche Elemente des Sufismus. Außerdem suchen Sufis nach dem verborgenen Sinn äußerer Gesetze und wörtlicher Bedeutungen.
Der Sufismus hat sich in unzähligen Schulen entwickelt, die sich beträchtlich voneinander unterscheiden. Es gibt Askese und Genuss-Traditionen, Musik und Gesang und die Praxis des Dhikr als zentrale Übung zur Vereinigung mit Gott, z.B. durch Tanz oder Poesie.
Der Sufismus ist in hierarchisch strukturierten Orden (tariqa) organisiert, die bis ins 19. Jh. die dominante religiöse und soziale Organisationsform waren und beträchtliche politische Macht hatten.

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