Religionssystematik - Religionssoziologie
Religionssoziologie
Inhalt
Emil Durkheim und Max Weber
Emil Durkheim
Max Weber
Themen und Perspektiven heutiger Religionssoziologie
Die Religionssoziologie befasst sich grob gesagt mit dem Zusammenhang und den Einflussnahmen zwischen Religion und Gesellschaft(en), wobei besonders die modernen, westlichen Gesellschaften gemeint sind. Religion wird als soziale Handlung und Interaktion verstanden und untersucht. Religion ist für die Religionssoziologie ein gewöhnliches, gesellschaftliches Phänomen wie andere auch, das gewisse Funktionen erfüllt – also ganz anders als die Religionsphänomenologie, die Religion als eine Erscheinung außerhalb normaler Kategorien auffasst. Aus diesem Grund war die Religionssoziologie von phänomenologischer Seite der Kritik ausgesetzt, sie könne der Besonderheit von Religion nicht gerecht werden, wenn sie sie auf soziale Kategorien reduziere. Das "Wesen" von Religion interessiert die Religionssoziologie nicht; sie arbeitet – wie die Religionswissenschaft insgesamt – innerweltlich mit rationalen Mitteln und basierend auf empirischem Material. Religion(en) wird / werden als "gesellschaftliche Realität" verstanden, d.h. es gibt Phänomene, die in der Gesellschaft als religiös bezeichnet oder wahrgenommen werden und genau das gilt es zu untersuchen.
Emil Durkheim und Max Weber
Auch wenn ihre Ursprünge und Vorstufen mit der Religionskritik der Aufklärung bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, beginnt die Geschichte der eigentlichen Religionssoziologie im 19. Jahrhundert und ist eng mit Emil Durkheim (1858-1917) und Max Weber (1864-1920) verbunden. Interessant ist bei diesen, dass sie bzw. ihre Erkenntnisse für die Religionswissenschaft enorm wichtig sind, obwohl sich beide nicht als Religionswissenschaftler verstanden haben, sondern eher als Soziologen. Zu Klassikern der Religionswissenschaft macht sowohl Weber als auch Durkheim, neben ihren jeweiligen Fragestellungen, im Besonderen ihre methodisch-systematische Vorgehensweise und die von ihnen geprägten Begrifflichkeiten.
Emil Durkheim
Emil Durkheim (1858-1917) interessierte nicht das "Wesen" von Religion, sondern vor allem, welche Funktion Religion innerhalb einer Gesellschaft erfüllt und wie Religion in die Gesellschaftsstrukturen eingebunden ist. Religion wurde von ihm als "soziale Tatsache" definiert; damit ist gemeint, dass nicht das Individuum alle seine Entscheidungen und Handlungen autonom bestimmt, sondern durch gewisse gesellschaftliche Vorwegnahmen oder Zwänge geprägt ist und von ihnen beeinflusst wird – ohne dass es dies unbedingt wissen muss. Gegenstand von Religionssoziologie ist danach nicht Religion selbst, sondern die Frage, wie diese sozialen Tatsachen funktionieren und sich auswirken.
Ein gutes Beispiel für Religion als soziale Tatsache stellt die Studie Durkheims von 1897 zum Thema Selbstmord dar. So war bereits anhand zuvor verfügbaren empirischen Materials ersichtlich, dass die Selbstmordrate bei Protestanten deutlich höher lag als bei Katholiken. Suizid, den man eigentlich als eine höchst individuelle und persönliche Angelegenheit einstufen würde, schien demnach doch in einen gemeinschaftlichen Kontext, nämlich den der Konfessionszugehörigkeit, eingeordnet werden zu können. Durkheim konnte nachweisen, dass die niedrigere Selbstmordrate im Katholizismus auf die höhere Eingebundenheit in die Gemeinschaft zurückzuführen sei, was im stärker individualisierten Protestantismus eben nicht der Fall sei.
In seinem religionssoziologischen Hauptwerk "Die elementaren Formen des religiösen Lebens" von 1912 weist Durkheim auf die enge Verbindung zwischen Religion und Gesellschaft hin. Dabei sind besonders die Integrationsfähigkeit und die Stärkung des gemeinschaftlichen Zusammenhalts wichtig, denen sich der Einzelne unterordnet.
Neben inhaltlichen Aspekten ist Emil Durkheim für die Religionswissenschaft auch aus methodischer Sicht wichtig. Er machte die Religionssoziologie zu einer empirischen Wissenschaft, die mit Fachterminologien und einer klaren Methodik arbeiten sollte.
Max Weber
Max Weber (1864-1920), der Vater der deutschen Religionssoziologie, versteht religiöses Handeln als soziales, sinnhaftes Handeln. Mit "sozialem Handeln", einer wichtigen Kategorie in Webers Überlegungen, ist Handeln gemeint, das an Zielen, Zwecken oder Wertvorstellungen orientiert ist, also nicht einfach so passiert. Damit ist es stets in einen gesellschaftlichen Rahmen eingebettet, durch den gewisse Vorgaben für das soziale Handeln gemacht werden.
Für die Religionssoziologie ist Weber auch durch sein Werk "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" (1904-1905) bekannt. Darin stellt er die These auf, dass zentrale Elemente calvinistischer Theologie von Einfluss auf den modernen Kapitalismus gewesen seien.
Des weiteren stammt von Weber die Vorstellung der "Entzauberung der Welt"; danach könne Religion, die von ihm eher im Irrationalen verortet wird, ihrer Aufgabe der umfassenden Sinngebung und Weltdeutung in der abendländischen Gesellschaft nicht mehr gerecht werden; stattdessen könnten in der Moderne fortschreitende Rationalisierungsprozesse und Säkularisierungsprozesse beobachtet werden.
Methodisch ist Weber besonders wichtig durch die so genannten "Idealtypen". Dies sind Klassifizierungen und Kategorisierungen, mit deren Hilfe man auf theoretischer Ebene Sachverhalte, soziales Handeln oder handelnde Personen unterscheiden und einordnen kann, indem ihnen bestimmte Attribute zugewiesen werden. Beispiele für solche Typen sind "der Prophet" oder "der Mystiker". Idealtypen kommen in der wirklichen Welt in reiner Form nicht vor; das Arbeiten mit ihnen erleichtert aber theoretische Überlegungen. Typenbildungen, die auch in der weiteren religionssoziologischen Arbeit von Bedeutung sind, helfen als eine Art "Schubladensystem" dabei, allgemeine Aussagen oder Begriffe zu formulieren.
Themen und Perspektiven heutiger Religionssoziologie
Aufgabenfelder und mögliche Fragestellungen von heutiger Religionssoziologie sind außerordentlich vielseitig. Beispielsweise befasst sie sich mit den Wechselwirkungen und Zusammenhängen zwischen Religion und Bereichen wie Politik, Wirtschaft, Geschlecht, Familie, Gesellschaftsschicht usw. Methodisch baut Religionssoziologie vielfach auf dem auf, was in den vorangegangen Abschnitten kurz angesprochen wurde.
Von wesentlicher Bedeutung für die Religionssoziologie ist anschließend an Max Weber die Säkularisierungsthese – also die Frage, ob Religion in der modernen Gesellschaft überhaupt noch einen Platz hat oder nicht vielmehr bedeutungslos ist und schließlich verschwinden wird. Diese Vorstellung wurde auf die schon erwähnte Rationalisierung zurückgeführt und schien mit der schwindenden Zahl der Kirchenmitglieder bestätigt. Die entscheidende Leistung der Religionssoziologie (eng verbunden mit den Namen Peter Berger (*1929) und Thomas Luckmann (*1927)) ist, mit einem Religionsbegriff zu arbeiten, der nicht identisch mit der Einbindung in die Institution Kirche gesetzt wird. Stattdessen sind auch hier Funktionen von Religion im Blick, wie vor allem Sinngebung, Orientierung oder Deutung. So sei in der modernen westlichen Gesellschaft nicht das Verschwinden, sondern der Wandel der Sozialform von Religion zu beobachten, nämlich die Privatisierung oder Individualisierung von Religion. Dies bedeutet, dass das Individuum sich seine religiöse Deutung auf dem "Markt der Religionen" selbst aussuchen kann und dass diese vor allem sinnvoll und passend für die eigene Lebenssituation sein muss.
Diese Ausführungen konnten der Komplexität und Vielseitigkeit dieses sehr wichtigen Bereiches religionswissenschaftlichen Arbeitens kaum gerecht werden; es konnten nur sehr oberflächlich einige Grundfragen der Religionssoziologie skizziert werden. Da auch in Zukunft die Rolle von Religionen in der Moderne – nicht zuletzt, wenn es um religiösen Fundamentalismus geht – von hoher gesellschaftsspolitischer Relevanz sein wird, wird Religionssoziologie weiterhin wichtige Arbeit zu leisten haben.