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Religionssystematik - Religionsphänomenologie
Chancen und Grenzen der Religionsphänomenologie
Was ist Religionsphänomenologie?
Der Begriff Religionsphänomenologie bzw. „Phänomenologie der Religion“ tritt zum ersten Mal in den Arbeiten des niederländischen Religionshistorikers Pierre Daniel Chantepie de la Saussaye (1848-1920) auf. Man kann nach Douglas Allan idealtypisch vier verschiedene Gruppen von Wissenschaftler/-innen ausmachen, die den Begriff verwenden. Die erste Gruppe verwendet ihn in einem sehr breiten und vagen Sinne zur Erforschung des Phänomens Religion. Die zweite Gruppe ist mit den Namen der skandinavischen Religionshistoriker Geo Widengren (1907-1996) und Åke Hultkrantz (*1920) verbunden. Hier wird Religionsphänomenologie als vergleichendes Studium und Klassifikation verschiedener religiöser Phänomene verstanden. Der dritten Gruppe sind Religionswissenschaftler wie der Niederländer Gerardus van der Leeuw (1890-1950), der deutsche Joachim Wach und Mircea Eliade (1907-1986) zugeordnet. Sie verstehen unter Religionsphänomenologie eine bestimmte Disziplin bzw. Methode innerhalb der Religionswissenschaft und haben den größten Einfluss auf die Religionsphänomenologie. Die vierte und letzte Gruppe stellt eher ein Sammelbecken für andere mit der Religionsphänomenologie in Verbindung gebrachte Wissenschaftler/-innen dar, die vor allem durch die philosophische Phänomenologie und theologische Einflüsse geprägt sind. Vertreter dieser Gruppe sind u. a. Rudolf Otto (1869-1937) und Max Scheler (1874-1928).
Nach Klaus Hock (der hier Bezug auf eine Einteilung von Bleeker nimmt) kann man drei Richtungen der Religionsphänomenologie unterscheiden:
- die Deskriptive Religionsphänomenologie beschreibe und klassifiziere einzelne Phänomene;
- die typologische Religionsphänomenologie erforsche zusammengehörige Gruppen von Phänomenen, auf deren Grundlage sich unterschiedliche Typen von Religionen unterscheiden und einsortieren lassen;
- die phänomenologische Religionsforschung im engeren Sinne untersuche Wesen, Struktur und Bedeutung religiöser Phänomene. Personell ist sie mit der bei Allan genannten dritten Gruppe identisch.
Bei dieser Einteilung handele es sich allerdings nur um eine erste Orientierung, die der Religionsphänomenologie nicht vollständig gerecht werden kann.
Charakteristika der Religionsphänomenologie
Die Encyclopedia of Religion nennt fünf Charakteristika der philosophischen Phänomenologie, die für die Religionsphänomenologie von Bedeutung sind:
- Beschreibende Natur: Die (Religions-)Phänomenologie ist von ihrem Selbstverständnis her eine beschreibende Wissenschaft, die eine Abkehr von philosophischen Theorien und Konzepten zu Gunsten direkter Intuition und Beschreibung der Phänomene, so wie sie in der unmittelbaren Erfahrung erscheinen, fordert.
Sie versucht, die Natur der Phänomene, die Art, wie sich die Erscheinungen selbst
manifestieren, und die wesentlichen Strukturen am Grunde der menschlichen Erfahrung zu beschreiben, wobei auf die korrekte Beschreibung der Gesamtheit der Manifestationen des Phänomens in der menschlichen Erfahrung geachtet werden soll. Daher beschreibt die Phänomenologie die Vielgestaltigkeit und Komplexität der Erfahrungen, wobei sie versucht, Reduktionismus zu vermeiden.
- Antireduktionismus: Der phänomenologische Antireduktionismus soll Menschen dabei helfen, sich von unkritischen Vorannahmen zu befreien, um so zu einer tieferen und direkteren Erfahrung und damit zu einer genaueren Beschreibung dieser Erfahrungen zu gelangen.
Auf die Religionsphänomenologie bezogen bedeutet dies, dass Religion als nicht reduzierbar gesehen wird, weshalb Religionsforscher/-innen die sich in den Untersuchungsgegenständen ausdrückende genuine religiöse Intentionalität respektieren müssen.
- Intentionalität: Intentionalität beschreibt die Eigenart psychischer Phänomene, die im Unterschied zu physischen Phänomenen immer auf etwas gerichtet sind, d.h. immer Bewusstsein von etwas sind. „In order to identify, describe, and interpret the meaning of phenomena, phenomenologist must be attentive to the intentional structures of their data: to the intentional structures of consciousness with their intended referents and meanings.” Für die Identifizierung, Beschreibung und Interpretation der Bedeutung religiöser Phänomene müssen die Wissenschaftler/-innen daher die intentionale Struktur ihrer Untersuchungsgegenstände beachten. Ein Beispiel hierfür bietet R. Otto. For him, “the priori structure of religious consciousness is consciousness of its intended ‘numinous object’.”
Religiöse Erfahrung legt transzendente Strukturen offen, in denen Menschen eine heilige, übernatürliche Bedeutung sehen. Diese Intentionalität ist in einen historischen Kontext eingebunden. Die religiöse Sprache, die in einem hohen Maße symbolhaft, mythologisch etc. ist, deutet auf heilige und bedeutungsvolle Strukturen hin. Die intentionale Bedeutung liegt nie unvermittelt vor, sondern braucht immer eine(n) Vermittelter(in), um Eingang in die menschliche und vergängliche Welt zu finden. An dieser Stelle werden Symbole für das Offenlegen der Bedeutung wichtig, in denen sich die übernatürliche Bedeutung manifestiert und durch die diese gedeutet werden kann.
- Bracketing; Epoché: Das antireduktionistische Bestehen auf die Nichtreduzierbarkeit intentionaler, unmittelbarer Erfahrungen hat bei vielen Phänomenolog(inn)en die Verwendung der phänomenologischen Epoché (Enthaltung von Werturteilen) als Methode zur Folge. Diese Methode wird oft auch als die Methode des Aus- bzw. Einklammerns (Method of Bracketing) bezeichnet, die sich jeglicher Urteile über das Sein oder Nichtsein der Gegenstände enthält. Durch dieses Ausklammern kann sich der Phänomenologe bzw. die Phänomenologin der direkten Erfahrung bewusst werden und Zugang zu den wesensmäßigen Strukturen erhalten; so zumindest die Theorie. Dieser Einstellungswandel wird von Husserl als phänomenologische Reduktion bezeichnet.
Für die Erforschung von religiösen Phänomenen bedeutet dies, dass sich die Forschenden unter Ausklammerung der eigenen Vorannahmen mit Hilfe der Empathie in die „religiöse Welt“ der befragten Person hineinversetzen müssen, um so die religiöse Bedeutung der erfahrenen Phänomene zu erfassen. Zu diesem emphatischen Sich-Hineinversetzen gehört als weiterer Schritt die kritische Interpretation der gemachten Erfahrungen.
- Eidetische Reduktion: (Eidos = gr. Wesen) Nicht die Einzelfälle intentionalen Erlebens bestimmter Menschen sind der Gegenstand der Phänomenologie, sondern die wesensmäßigen Grundsätze der Erfahrungen oder Erlebnisse, das heißt Phänomenologie wird zur Wesensschau. Sie ist der zentrale Akt phänomenologischer Analyse, die Einblick in das Wesen und die Bedeutung des Phänomens gibt. In der Religionsphänomenologie wird dabei oft die methodologische Kritik vernachlässigt. So entfällt der Prozess der Selbstreflexion, in dem offen gelegt wird, wie man zu den Ergebnissen kam.
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